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Kategorien/Categories:    ›Sprachkultur/Language culture‹  ›DE‹   –  19.03.2011

Wortfetzen


Warum bleiben uns bestimmte Texte Jahrzehnte lang im Kopf, während andere verblassen sowie man sie gelesen hat? Das trifft besonders für Gedichte zu. Ist es einzig eine Sache des Paukens?

Forsythien am BahndammZur Zeit bietet sich das nebenstehende Bild auf meinem täglichen Radweg zur Arbeit. Wenn ich solche gelben Farbtupfer entlang den Bahngleisen sehe, kann ich mir nicht helfen, dann kommt mir unweigerlich ein bestimmtes Gedicht von Joachim Ringelnatz in den Sinn:

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei - verjährt -
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

 

Auch wenn es natürlich Forsythien sind, die da leuchten, und nicht Ginster: der Satz blieb kleben. Und das immerhin obwohl die erste Bekanntschaft mit diesem Ringelnatzklassiker gut 30 Jahre zurückliegt. „Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb“ und „Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken“ sind ebenfalls Wortfetzen, die sich bei mir festhakten und immer wieder zu passenden Gelegenheiten emportauchen. Warum nur?

Eine meiner Englischlehrerinnen war Shakespeare-Fan und sie ist dafür verantwortlich, dass ich einige der berühmten Monologe, zumindest noch ansatzweise, intus habe. Allerdings mussten wir sie damals auswendig lernen. Viel beeindruckender war das Gedächtnis meiner Oma, die bis ins hohe Alter große Gedichtepen wie Schillers „Glocke“ in voller Länge (und mit viel Pathos) vortragen konnte – mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem sie zuletzt die Schulbank gedrückt hatte. Alles nur eine Frage der Wiederholung?

„Wenn sie es nur oft genug hören, werden sie es schon verinnerlichen!“ So agiert auch die Werbung. Bester Beweis: überlegen Sie mal kurz, was  Ihnen spontan an Werbeslogans oder Jingles einfällt. Die Chancen sind hoch, dass das, was hängen geblieben ist, aus den frühen Kindertagen stammt.

Und was hat das alles mit Ringelnatz zu tun?, fragen Sie. Keine Ahnung. Aber sein Gedicht ist doch einfach nett, oder? Vor allem, wenn man jedes Frühjahr daran erinnert wird.

Persil. Da weiß man, was man hat. Schönen guten Abend.


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