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Kategorien/Categories:    ›Anglizismen‹   –  07.11.2011

Namenssalat


Jetzt ist wieder Feldsalat-Saison - oder auch Rapunzelsalat, wie dieser herrlich nussige Blattsalat bei uns zuhause hieß. Doch was hat der beliebte Wintersalat mit der langhaarigen jungen Dame im Turm zu tun? Ein Gang durch das Namenslabyrinth zum Thema Feldsalat.

historische Schautafel FeldsalatWie heißt Feldsalat eigentlich auf englisch, wollte neulich jemand von mir wissen. Gute Frage. Denn der hier so beliebte Wintersalat war bislang in den USA relativ unbekannt. Ein Blick ins grüne Wörterbuch übersetzt ihn u.a. mit „corn salad“, eine eher unglückliche Bezeichnung mit hoher Verwechslungsgefahr. Neuerdings tauchte er unter dem Namen „mache lettuce“ fertig gewaschen und in Plastiktüten abgepackt in den Kühlregalen der Supermärkte auf. Ein wohl mehr in Großbritannien gebräuchlicher Name ist „lamb’s lettuce“.  Wer aber in angelsächsischen Gefilden nach Rapunzel fragt, würde sicher nur ungläubige Blicke ernten. Und hier?

Bei uns hieß Feldsalat immer nur Rapunzel und ich fand es als Kind faszinierend, einen richtigen Märchensalat zu essen. Gehörten doch die Geschichten der Gebrüder Grimm zur regelmäßigen literarischen Kost im Hause Kerner. Wer erinnert sich heute noch an die Details die dazu führten, dass die schöne Rapunzel ihre langen Zöpfe vom Turmfenster herablassen musste? Ich erlaube mir ein Zitat, dass die Gelüste der schwangeren Mutter Rapunzels beschreibt:

"Da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen so frisch und grün aus, daß sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte, daß sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte: "Was fehlt dir, liebe Frau?" "Ach", antwortete sie, "wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege so sterbe ich."

Der liebe Mann steigt also über die Mauer in den Garten der Zauberin, klaut den Salat (komisch, ich erinnere dass es Winter war und die Blättchen unter der Schneedecke hervorlugten), wird auf frischer Tat ertappt und muss der Alten das neugeborene Kind versprechen... Der Rest ist bekannt.

Valerianella locusta oder Feldsalat gehört zur der Familie der Baldriangewächse (vielleicht hat er deshalb einen so wohltuenden Effekt auf Schwangere?). Er stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und wird erst seit dem 17. Jahrhundert in unseren Gärten angebaut. Je nach Region scheint der winterliche Vitaminspender auf viele verschiedene Namen zu hören, unter anderem Ackersalat (Schwaben), Mäuseöhrchensalat (Eifel, Hunsrück, Saarland, Luxemburg), Nüsslisalat (Schweiz), Rawunze (Mittelhessen) Rawinzchen (Thüringen), Sunnewirbele (Baden), und Vogelsalat (Südtirol).

Egal wie man Rapunzelsalat auch nennen mag, er ist eine Bereicherung für den winterlichen Speiseplan. Ich jedenfalls kann die Gelüste von Rapunzels Mutter gut nachvollziehen, geht es mir doch alljährlich ähnlich, wenn nach dem ersten Frost endlich der erste Feldsalat auf dem Markt auftaucht! Guten Appetit!


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